Eine knappe Formulierung der wichtigsten Aussagen der Katholischen
Sozialethik ist schwierig, was primär daran liegt, dass die „Katholische
Soziallehre … ein Gefüge von offenen Sätzen“ ist, wie schon Oswald von
Nell-Breuning formulierte.
Wir bitten Sie, die nachstehenden
Erläuterungen zentraler Begriffe in diesem Sinne zu verstehen. Diese
sind jeweils knapp in den gesellschaftlichen Kontext eingeordnet und mit
Hinweisen auf einschlägige lehramtliche Aussagen versehen.
Verfasser:
Dr. Siegfried Ecker, Vorsitzender des KAB-Bildungswerks Bamberg e.V.
Grundlegende Aussage der Katholischen Sozialethik: Arbeit ist Ausfluss der menschlichen Person, Kapital ist ein Instrument. Also hat die Arbeit Vorrang vor dem Kapital. Arbeit hängt deshalb mit der Würde der Person zusammen, Kapital ist dagegen nur ein Produktionsfaktor und notwendiges Mittel zum Lebensunterhalt.
Heute besteht in vielen gesellschaftspolitischen Fragen die Gefahr, dass Arbeit nur mehr als Produktionsfaktor gesehen wird (z.B. Mindestlohn, Niedriglohn, Tariflosigkeit).
Quellen:
Die Familie ist die Keimzelle der menschlichen Gesellschaft, grundlegend für die Entwicklung der menschlichen Person. Sie hat daher nach dem Subsidiaritätsprinzip Vorrang in Staat und Gesellschaft.
Quellen:
Alle gesellschaftliche Tätigkeit hat sich am Wohl aller und eines jeden Menschen auszurichten und ihm zu dienen.
Die Katholische Sozialethik weist dem Staat die Rolle zu, für das Gemeinwohl zu sorgen. Die Entwicklung fast aller Industrieländer der Welt zeigte aber in den vergangenen 20 Jahren, dass Wissenschaft und Politik behaupten, nur wenn die Reichtumskonzentration in den oberen Schichten zunimmt, ist für alle gesorgt. Dies wurde national und international zunehmend in die Realität umgesetzt.
Quellen:
Eine Grundforderung religiös geprägter Lebensgestaltung aller Religionen und humanistischen Überzeugungen. Die goldene Regel „Was du nicht willst, das man dir tut, das füge auch keinem anderen zu“ ist die Grundlage des Weltethos. Diese umfasst auch soziale Gerechtigkeit und Verteilungsgerechtigkeit. Denn eine Grundaussage der Katholischen Sozialethik lautet: „Die Güter der Erde sind für alle da“ (Gaudium et Spes 69).
Im Rahmen der Sozialstaatsdiskussion wird die Frage erörtert: Wie ungleich muss die Verteilung von Vermögen, Einkommen und Chancen sein, damit der Wettbewerb und damit der Wohlstand aller gewährleistet und verbessert wird? In den vergangenen 30 Jahren wird mehr Ungleichheit für notwendig erachtet. Die entsprechenden Wirtschaftstheorien spielen dabei eine maßgebliche Rolle. Fakt ist, dass die Ungleichverteilung national und international zunimmt. Ist eine Wirtschaftstheorie, die dies rechtfertigt und für notwendig erachtet, von der Katholischen Sozialethik zu rechtfertigen? Auch wenn sie dem Markt zwar staatliche Regeln verordnet, diese Auseinanderentwicklung aber nicht stoppen will?
Quellen:
Die rechtmäßige Vertretung der Arbeitnehmerinteressen ist immer anerkannt gewesen. Sie folgt aus den Sozialprinzipien.
In Deutschland wurden die christlichen Gewerkschaften erst 1955 wieder gegründet. Heute werden sie kaum mehr von KAB und Kirchen gefördert. Die Zusammenarbeit zwischen Amtskirche und DGB ist in vielen Regionen nicht nur auf den 1. Mai beschränkt.
Quellen:
Der Kapitalismus ist in der Katholischen Sozialethik als Steuerungssystem der Wirtschaft in seiner Effizienz und Ermöglichung von Produktivität positiv bewertet. Wird er allerdings gesellschaftsbeherrschend und machtversessen, ist er negativ zu sehen. Er muss demokratisch angeeignet werden durch das Primat der Politik und die Stärkung von Mitbestimmung in Betrieb und Gesellschaft.
Die Finanzmarktkrise hat gezeigt, dass die grundlegende Auseinandersetzung heute der Frage der Unternehmensform (shareholder value?) und des Primats der Politik gilt.
Quellen:
Die Aussage der Katholischen Sozialethik ist eindeutig: Der Markt ist ein effizientes System der Güterproduktion und -verteilung. Aber die Gesellschaft kann nicht dem Markt überlassen werden. Die Prinzipien der Katholischen Sozialethik verbieten es, Menschen rein als „homo oeconomicus“ zu sehen und alle gesellschaftlichen Strukturen dem Wettbewerb und der Effizienz zu unterwerfen.
Die Weltwirtschaftskrise hat in CiV deutliche Spuren hinterlassen. Die Kritik an der Ausweitung des reinen Marktdenkens ist deutlich. Die notwendigen Einzelmaßnahmen werden aber nur vage dargestellt. Das ist nicht verwunderlich, denn international wird in der Wirtschaftswissenschaft und in der von ihr beeinflussten Politik sehr unterschiedlich diskutiert.
Quellen:
Ein zentraler Begriff der vergangenen Jahrzehnte in der Sozialethik: Das Überleben der Menschheit ist nur gesichert, wenn die Fragen des Umweltschutzes, der zukünftigen Generationen, der Technikfolgen- und Risikoabschätzung bei gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Maßnahmen berücksichtigt werden. Die Prinzipien der Katholischen Sozialethik fordern entsprechende Steuerungsmittel.
Lassen sich die Zukunftsentwicklungen im Sinne aller und jedes Menschen mit finanz- und marktwirtschaftlichen Mitteln steuern? Erste Erfahrungen mit Emissionsrechten sind zum Teil kritisch zu bewerten.
Quellen:
Dieses Argumentationsmodell der Katholischen Sozialethik bezieht sich auf die Ordnung, die der Schöpfer in die Natur eingezeichnet hat und die jeder vernunftbegabte Mensch erkennen kann. Erst durch die Befreiungstheologie wurde der biblische Ansatz der „Option für die Armen“ verstärkt gebraucht. Papst Benedikt XVI. hält sich in dieser Frage an die Argumentation seiner philosophisch-theologischen Auffassung des Verhältnisses von „Glaube und Vernunft“, die in CiV breit erläutert wird.
Quelle:
Die Gestaltung der Gesellschaft ist danach zu beurteilen, ob sie in biblischer Sichtweise („Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ Mt 25,40) auf die Beteiligung der schwächeren Mitglieder besonderen Wert legt.
Quellen:
Das grundlegende Prinzip der Katholischen Sozialethik: Die menschliche Person in ihrer Würde ist Zentrum und Bezugspunkt des gesellschaftlichen Lebens.
Die schwierige Umsetzung dieses Prinzips lässt sich aktuell aufzeigen an der Frage des Sozialstaates: Wird die Würde der menschlichen Person geachtet, wenn nur mehr das Existenzminimum zu schützen ist und damit die Beteiligung am gesellschaftlichen Leben und Reichtum nur mehr sehr eingeschränkt gewährleistet wird (vgl. BVerfG 09.02.2010)?
Quellen:
Das Privateigentum wird als Bedingung der freien Entfaltung der menschlichen Person anerkannt. Es ist aber dem Prinzip untergeordnet, dass die Güter der Erde für alle da sind. Der Gemeinwohlbezug des Eigentums ist also grundlegend. Eigentum an Produktionsmitteln ist diesem Prinzip unterzuordnen.
Quellen:
Der Mensch ist ein soziales Wesen. Seine Würde, seine Rechte und seine gesellschaftliche Beteiligung kann nur in solidarischen gesellschaftlichen Strukturen und Organisationen erreicht und erkämpft werden. Solidarität und Subsidiarität ergänzen sich und sind je neu zu gestalten.
Die solidarischen Steuerungssysteme der sozialen Sicherheit (Umlageverfahren und Steuerfinanzierung) geraten in Europa immer mehr unter den Druck einer auf Wettbewerb und Effizienz ausgerichteten, am theoretischen Modell des Marktes orientierten Gesellschaftspolitik. Die Überzeugung, nur so könnten sie dem internationalen Druck standhalten, greift immer weiter um sich. Die dem Prinzip der Solidarität geschuldeten Steuerungsprinzipien der Sozialen Marktwirtschaft europäischer Prägung werden so schrittweise abgebaut.
Quellen:
Aufgabe des Staates ist die Sicherstellung des Gemeinwohls, der Gerechtigkeit und der Menschenwürde.
Die Staatsform ist in der Katholischen Sozialethik nicht eindeutig festgelegt. Erst nach dem 2. Weltkrieg wurde die Demokratie vorsichtig befürwortet. Aber die spanische Kirche rechtfertigte die Diktatur Francos mit der berufsständischen Ordnung aus QA 82 ff. So finden sich auch im Komp. zur Frage der Demokratie Zitate erst aus CA von 1991.
Quellen:
Streik wird als letztes Mittel der Auseinandersetzung um die Rechte der Arbeitnehmer anerkannt.
Die Erfahrungen zeigen, dass die Angemessenheit des Streiks im kirchlichen Bereich sehr kritisch gesehen wird. Das zeigt sich besonders im grundgesetzlich geschützten kirchlichen kollektiven Arbeitsrecht. Nach offizieller Meinung kann es Streik in kirchlichen Betrieben nicht geben, da kein Interessensgegensatz in der Dienstgemeinschaft bestünde.
Quelle:
Sünde ist nicht nur ein individuelles Fehlverhalten. Es gibt gesellschaftliche Strukturen, die als sündhaft bezeichnet werden müssen, da sie Menschen schädigen und benachteiligen, also der Verpflichtung von Staat und Gesellschaft auf den Schutz des Allgemeinwohls zuwider laufen.
In der aktuellen Frage der Regulierung der Finanzmärkte ist der Hinweis auf die Gier von Bankern, also auf ein individuelles Fehlverhalten, eine Ablenkung von der Tatsache, dass gesetzliche Regulierungen oder Versäumnisse diese Auswüchse erst ermöglicht haben.
Quellen:
Was ein einzelner Mensch oder eine Gruppe leisten kann, soll nicht auf größere gesellschaftliche Einheiten übertragen werden. Die größeren Einheiten sind allerdings verpflichtet, das hilfreich zu unterstützen, was die kleineren nicht leisten können.
Auswirkungen in der politischen Realität der Bundesrepublik: Die Wohlfahrtsverbände und ihre staatliche Unterstützung wurden so begründet. Die dreigliedrige Steuerung der Sozialsysteme (Staat, Arbeitgeber, Arbeitnehmer) ebenso. Eine europäische Zentralgewalt ist mit dem Subsidiaritätsprinzip in Maastricht verhindert worden.
Problem: Im Zitat CiV klingt die Wohlfahrtsstaatsdiskussion an. Seit langem wird die schrittweise Umsteuerung von der Umlagefinanzierung zur Kapitaldeckung mit der Eigenverantwortung des mündigen Bürgers begründet (auch das „Sozialwort 1997“ Nr. 27 erliegt dieser Gefahr). Die Finanzmarktkrise hat die Fragwürdigkeit der Kapitaldeckung allerdings deutlich gemacht.
Quellen:
Als Konsequenz des Subsidiaritätsprinzips sind die zivilgesellschaftlichen Institutionen (intermediäre Institutionen) notwendige Organisationsformen einer Gesellschaft. Zentralstaatliche direkte Lenkung wird abgelehnt.
Die marktradikalen Theorien sehen vor, dass gesamtgesellschaftliche Aufgaben wie Armutsbekämpfung und Umweltschutz stärker von der Zivilgesellschaft auf freiwilliger Basis erfüllt werden. Beispiel: „Tafeln“ statt Mindestlohn.
Quellen: